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Elisabeth Wiegers

Textilarbeiterin in der Weberei Bierbaum

1942 - heute

Die Textilindustrie brachte ab dem 19. Jahrhundert Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum ins Münsterland. Die Webereien und Spinnereien verwandelten ein Agrarland in einen Industriestandort. Frauen und Mädchen bot die Industrialisierung die Chance, gutes Geld mit geregelter Arbeit zu verdienen und in einem Betrieb berufliche Erfolge,
Anerkennung für gute Arbeit und Kollegialität zu erleben.

Anna Vehlken, heute 90 Jahre alt, und ihre Schwester Elisabeth Wiegers, 83, nutzten diese Chance und erlebten in der
Weberei Bierbaum eine ganz andere Arbeitswelt als in der heimischen Landwirtschaft. Ein arbeitsreiches und in manchen Jahren auch entbehrungsreiches Leben liegt hinter ihnen, aber das sieht man beiden Frauen nicht an. Aufgewachsen sind sie auf einem Pachthof, der Vater starb früh. Ihre Schulzeit in der Kriegs- und Nachkriegszeit fand in einer einklassigen Volksschule statt, eine Lehrerin betreute die Schüler aus vier Jahrgängen.

Beide erlebten das Ende des 2. Weltkrieges schon bewusst mit, am schlimmsten, so erzählte Anna, war die Zeit direkt nach dem Krieg. Flüchtlinge wurden in schon beengte Wohnverhältnisse einquartiert, täglich kamen die Menschen aus
den städtischen Regionen und baten um Kartoffeln, Milch, Speckschwarten. An eine Berufsausbildung für Mädchen dachte niemand, im Haus und auf dem Hof gab es ja genug zu tun. Anna ging als Haushaltshilfe in eine Schreinerei nach
Marbeck. Eine Freundin erzählte den beiden Schwestern von der Arbeit bei Gebrüder Schulten in Oeding, einem damals bedeutenden Werk der Textilindustrie. 300 DM könne man dort im Monat verdienen, Anna und Elisabeth konnten es kaum
fassen.Das war gutes Geld, aber es musste schwer verdient werden, mit Bandakkord. Das hieß: Mithalten beim vorgegebenen Arbeitstempo. „Knochenarbeit“ erinnern Anna und Elisabeth noch heute.

Dann hörten die Schwestern von der Weberei Bierbaum in Borken und bewarben sich dort. Auch hier bestimmte das Band das Arbeitstempo, aber es wurde im Einzelakkord gearbeitet. Geschirrtücher und Bettwäsche wurden produziert. Arbeitsbeginn war manchmal um 6.00 Uhr, auch samstags wurde gearbeitet und die Nähgeschwindigkeit mit der Stoppuhr erfasst. Aber der Lohn stimmte, sie wohnten zu Hause, gaben Kostgeld ab, es blieb aber auch noch ein ansehnlicher Betrag für sie persönlich übrig. Bei der Einstellung wurde gefragt: Sind Sie in der Gewerkschaft?
Als die Schwestern verneinten, hieß es: Gut so! Der damalige Chef, Fritz Bierbaum, sah sich als Patriarch, der sich väterlich um seine Mitarbeiter kümmerte und die Belegschaft als große Familie ansah. Die Schwestern bestätigen: das
Betriebsklima bei Bierbaum war gut. Es gab guten Kontakt unter den Kollegen. Man unternahm gemeinsam so einiges, zum Beispiel eine Fahrt ins Ahrtal. Auch die Betriebsfeste in der Grenzlandhalle sind beiden in guter Erinnerung.

Anna arbeitete bis zu ihrer Heirat im Jahre 1963 bei Bierbaum, Elisabeth gehörte bis 1977 zur Bierbaum-Belegschaft.
In einem Artikel über Textilien Made in Münsterland heißt es: „Die Bindung teilweise ganzer Arbeitnehmerfamilien an „ihren“ Betrieb überdauerte nicht selten mehrere Generationen. Und das gilt bis heute.“ „Unsere Mitarbeiter arbeiten teilweise in vierter Generation bei uns, eine Fluktuation ist so gut wie gar nicht vorhanden“ erklärte Jan-Frederic Bierbaum, der derzeitige Firmenchef. So haben es auch Anna und Elisabeth erlebt, sie denken gern an die Jahre zurück: trotz Akkord, langen Arbeitstagen, Samstagsarbeit. „Wir sind mit Freude zur Arbeit gegangen und wir haben damals nichts vermisst“, erzählen sie. Heute empfinden sie das Leben als viel komplizierter und schnelllebiger.
Im Gespräch mit den beiden Schwestern ist die Erkenntnis aus der Bibel sehr präsent: „Und wenn es köstlich gewesen
ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen“, so viel Lebenszufriedenheit, Energie und Humor strahlen sie aus.

Quellen: Persönliches Gespräch mit Anna Vehlken und Elisabeth Wiegers im Dezember 2025, Firmenarchiv Bierbaum

Aufnahme aus einer Textilproduktion 1
Aufnahme aus einre Textilproduktion 2