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Ihren 80. Geburtstag am 31. Dezember 1937 feiert Amalie Gans, geborene Windmüller, noch in großer Runde mit der gesamten Großfamilie, so wie es seit vielen Jahren Tradition ist. An diesem Tag nehmen alle Familienmitglieder Urlaub und kommen nach Borken, um Amalie zu ehren und hochleben zu lassen. Sie starb am 24. August 1938 in Borken. So musste sie nicht mehr miterleben, wie ihre Kinder und Enkel aus Borken, ihrer geliebten Heimatstadt, flohen, um der Verfolgung durch den Nationalsozialismus zu entkommen. Einige fanden in Israel, in Amerika und anderen Ländern einen neuen Lebensort. Andere engste Angehörige wurden von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet, wie ihr Enkel Karel.
1939 in Amsterdam geboren, wurde er 1944 in Auschwitz ermordet. Amalie Windmüller war das einzige Kind ihrer Eltern, einer alteingesessenen Borkener Familie. Durch einen Heiratsvermittler lernt Carl Gans aus den Niederlanden Amalie kennen. Er folgt seiner Frau nach Borken, wo sie einen Textilgroßhandel aufbauen, in den auch die Erfahrung und das Vermögen der Familie Windmüller einflossen. Amalie und Carl bekommen zehn Kinder, fünf Jungen und fünf Mädchen. Alle werden gut verheiratet und bilden eine große Familie, die auch in Notzeiten zusammenhält. So zieht die Tochter Selma, die in Köln verheiratet war, in der Zeit des Ersten Weltkriegs wieder mit ihrer Tochter nach Borken. Hier ist das Überleben einfacher. Die Familie ist miteinander eng verbunden, auch in die Niederlande hinein, da dort die Angehörigen des Vaters Carl lebten. Einige Kinder heiraten niederländische Partner und siedeln sich im Nachbarland an.
Amalie ist der Mittelpunkt der Familie. Nach dem Sabbatgottesdienst trifft sich die Familie bei Oma Märle. Für die vielen Enkel gab es dort immer ein Leckerchen. Neben dieser Rolle als Familienmittelpunkt ist Amalie Gans auch eine versierte Geschäftsfrau. Nach dem Tod ihres Mannes im Kriegsjahr 1917 betreibt sie das Geschäft mit ihren Kindern weiter. Frauen gelten etwas im Hause Gans. Die damals noch unverheiratete Tochter Paula erhält Prokura. Amalies Sohn Moritz wird 1929 für die SPD in den Borkener Stadtrat gewählt. Er ist damit der erste jüdische Stadtverordnete in Borken.
Quellen: Gespräch mit Mechthild Schöneberg, Buch: Die Geschichte der jüdischen Gemeinden in Borken und Gemen