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Wenn sie mit ihrer Lambretta durch Borken brauste, drehten sich viele nach ihr um. Eine Frau als Kinderärztin, eine, die auch ohne eigene Familie selbstbewusst und eigenständig ihren Weg ging, das war in den 50-iger und 60-iger Jahren schon noch außergewöhnlich.
Hildegard Fuisting hatte es nicht leicht in den ersten Jahren in Borken: „Ohne Probierpackungen von Babynahrung und Naturalien von den Patienten hätte ich nicht überlebt“ erzählte sie später, als sie schon längst eine sehr geschätzte und beliebte Kinderärztin war. Ihr großes Fachwissen, ihre Freundlichkeit, ihre Kompetenz und ihre Fähigkeit, sich nicht unterkriegen zu lassen, sicherten ihr den Respekt vieler Eltern und auch die Anerkennung der Ärzteschaft in Borken. „Ihr Kind wird jetzt trocken, Ihre Mutter hätte das schon längst geschafft“ – ein Beweis für den trockenen Humor der Ärztin.
„Sie können aus einem Windhund keinen Berner Sennenhund machen“ – das hörten Eltern, deren Kinder nicht so recht zunehmen wollten.
Borkens erste Kinderärztin wurde 1920 in Münster geboren. Mit vier Geschwistern wuchs sie in einem Apothekerhaushalt auf. Nach dem Abitur studierte sie Medizin in Münster. Von 1943 bis 1945 arbeitete sie als Ärztin im St. Josefs-Krankenhaus in Bochum. Nach dem Krieg ging sie nach Emden. Der Chefarzt dort belehrte sie, es sei eine Ehre für sie, bei ihm lernen und arbeiten zu dürfen. Natürlich ohne Honorar. Danach arbeitete sie in der Hausarzt-Praxis ihrer Schwester in Bochum-Wattenscheid mit.
1957 eröffnete sie ihre erste Kinderarztpraxis an der Burloer Straße in Borken. Anfangs zögerten viele Eltern: eine Ärztin? Ob die das wohl kann? Auch die Kollegen hielten zunächst großen Abstand. 1963/64 baute sie an der Aa 33 ihre eigene Praxis mit Wohnung. Die Lambretta wurde gegen ein Auto eingetauscht. Reisen führten sie nach Amerika, Indien und in andere Länder der großen, weiten Welt. Für viele Borkener war es ein vertrauter Anblick, sie morgens vor der Sprechstunde mit ihren Hunden im Pröbsting-Gelände zu sehen, abends liefen Herrin und Hunde rund ums Haus. Nach fast 40 Jahren Selbstständigkeit gab sie 1996 ihre Praxis an Dr. Matthias Kellner ab. Mit zunehmendem Alter konnte sie nicht mehr so gut sehen und hören. Aber da sie eine optimistische und lebensbejahende Frau war, blieb sie am gesellschaftlichen und politischen Leben interessiert.
Dr. med. Hildegard Fuisting starb am 23. Mai 2015 in Borken.
Quellen: Gespräche mit Zeitzeugen