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Anne Tölle-Honekamp

Westfälische Dichterin

1896 - 1944

Ihr „Lied der Mütter“ ist heute aktueller denn je. Die westfälische Dichterin Anne Tölle-Honekamp schrieb es vor mehr als 80 Jahren. Heute würden wir sie eine vielseitige, begabte Medienschaffende nennen. Sie gehörte zu den ersten Frauen, deren Stimmen in den 20-iger und 30-iger Jahren im Rundfunk zu hören waren, nicht nur in Deutschland, sondern international. Anne Tölle-Honekamp wurde am 22. Mai 1896 als 6. Kind einer Bocholter Familie in Borken geboren. Ihr Vater war Rektor der Josefschule in Bocholt. Schon früh bekam Anne Tölle-Honekamp Kontakt zu westfälischen Dichtern. Mit der Schriftstellerin Margarete Windhorst war sie befreundet und stand über 10 Jahre mit ihrin regem Briefkontakt.

Anne Tölle-Honekamp besuchte das Lehrerinnenseminar in Koblenz-Oberwerth und arbeitete als Lehrerin in Ochtendung, Bocholt und Wiesdorf. 1923 heiratete sie den Journalisten Hermann Tölle aus Paderborn. Durch die Heirat musste sie ihren Beruf wegen des damals sogenannten „Lehrerinnenzölibats“ aufgeben. Hermann Tölle war Zeitschriftenredakteur, Schriftsteller und Funkjournalist. Das Ehepaar bekam drei Kinder. Die Familie Tölle- Honekamp zog nach Berlin, die letzten Lebensjahre verbrachte Anne Tölle-Honekamp in Kaunas, Litauen. Ihr Repertoire als Schriftstellerin umfasste Gedichte, Märchen, Kurzprosatexte, Romane und Hörspiele. Ihr Roman „Die silberne Straße“ erschien 1948 posthum im Dülmener Verlag Laumann. Das junge Medium Rundfunk bot ihr viele Chancen. Der Schriftsteller und damalige Intendant Ernst Hardt gab ihr oft Gelegenheit, mit literarischen Essays, Vorträgen, Lesungen, Hörfolgen und Hörspielen im Programm zu erscheinen.

Foto

Auch in Belgien und in Litauen wurde Anne Tölle-Honekamp gehört und gelesen. 1933 zog sie sich aus dem offiziellen Literaturbetrieb zurück, schrieb aber weiter. Kurz vor ihrem Tod am 27. Juni 1944 in Schloss Neuhaus, Paderborn, war sie nach Deutschland zurückgekehrt. Sie ist auf dem Westfriedhof in Paderborn begraben. Ihr Nachlass befindet sich im Westfälischen Handschriftenarchiv der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund und im Stadtarchiv Bielefeld, Korrespondenz von Anne Tölle-Honekamp findet sich im Stadtarchiv Lübeck. Ihre Tochter Clarissa veröffentlichte in den 50-iger und 60-iger Jahren Erinnerungen an ihre Mutter im „Westfalenspiegel“ und in der Zeitschrift „Unser Bocholt“.

Lied der Mütter

Dass ihre Leiber vermodern,
zerstapft, zerfetzt, zerrissen,
von Wunden unsäglich zerbissen,
grausam entstellt das Gesicht:
dafür gebären wir Mütter nicht
unsere Söhne,
die einst eine Welt von Qualen
aus uns riss in den Tag,
die wurden aus unseren Schmerzen,
die wuchsen aus unserem Herzen,
das fast an ihnen zerbrach.

Wir alle, Mütter der Erde,
Mütter des Glücks und der Qual,
wir tragen an Herz und Händen,
wir tragen an Hirn und Lenden
all ihrer Wunden Mal.
All ihr unsäglich Erlittnes
Strömt ewig durch unser Blut.
Und von den glücklichen Tagen,
da uns am Herzen sie lagen,
o weich, so gut.

Da sie mit kleinen Händen
Uns hingen am Kleidersaum,
von jenen Geborgenheiten
geht nur ein heimliches Läuten
manchmal durch unseren Traum….
Dass ihre Leiber vermodern,
zerstapft, zerfetzt, zerrissen,
von Wunden unsäglich zerbissen,
grausam entstellt das Gesicht:
dafür gebären wir Mütter nicht
unsere Söhne.